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Akademisiert – und was dann?

Wie interessant sind Studienabsolventen für den Arbeitsmarkt? 

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Eine Gruppe von Studierenden der Alice Salomon Hochschule in Berlin ist einer spannenden Frage nachgegangen: Sie wollten wissen, ob der Arbeitsmarkt eigentlich auf akademisch ausgebildete Therapeuten vorbereitet ist und welche Qualifikationen sich Arbeitnehmer von ihnen wünschen. Lesen Sie über die Ergebnisse einer Befragung zu diesem Thema.

Der Arbeitsmarkt und die akademisch ausgebildeten Physiotherapeuten

 

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Viele Physiotherapeuten, die sich für ein Studium entscheiden, stehen einem Arbeitsmarkt gegenüber, der nicht adäquat auf sie vorbereitet ist – obwohl sie im ­Studium eine Reihe von Qualifikationen erworben haben, von denen zu erwarten ist, dass sie stark nachgefragt werden. Hierzu gehören unter anderem Evidenzbasierte Praxis (EBP), fundierte Kenntnisse im Qualitätsmanagement und wissenschaftliches Arbeiten. Kompetenzen, die das Potenzial haben, dem Berufsstand zu mehr Autonomie zu verhelfen.

Welche Chancen Studienabsolventen am Arbeitsmarkt tatsächlich haben, entscheiden letztlich die Arbeitgeber. Damit stellt sich die Frage, wie der Hochschul­abschluss von den Arbeitgebern bewertet wird und wie hoch ihre Bereitschaft ist, Studienabsolventen einzustellen. Insgesamt ist wenig über die Erwartungen der Arbeitgeber an akademisch ausgebildete Therapeuten bekannt. Um dies zu untersuchen, wurde eine Forschungsfrage formuliert.

Eine studentische Projektgruppe der Alice Salomon Hochschule (ASH) in Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Räbiger, Prof. Dr. Wich und Dr. Winter versuchte, Antworten auf diese Frage zu finden. Zunächst recherchierten sie anhand von ­Stellenanzeigen in Fachzeitschriften, wie hoch die Nachfrage nach Studienabsolventen ist und welche Qualifikationen von ihnen erwartet werden. Anschließend erfolgte eine Arbeitgeberbefragung in Einrichtungen mit primärer Patientenversorgung, wie Praxen, Reha-Zentren und Kliniken, sowie in Einrichtungen ohne primäre Patientenversorgung, wie Krankenkassen, Berufsgenossenschaften oder Großkonzerne in der Industrie.

Die Projektgruppe »Arbeitgeberbefragung« der ASH Berlin und die betreuenden Dozenten (v.l.n.r.): Elke Kath, Julia Niederhausen, Prof. Dr. Michael Wich, Lisa Schönfelder, Katrin ­Engesser, Marlen Streng, Marco Spiegel, Christina Hindercks, Prof. Dr. Jutta Räbiger

Die Projektgruppe »Arbeitgeberbefragung« der ASH Berlin und die betreuenden Dozenten (v.l.n.r.): Elke Kath, Julia Niederhausen, Prof. Dr. Michael Wich, Lisa Schönfelder, Katrin ­Engesser, Marlen Streng, Marco Spiegel, Christina Hindercks, Prof. Dr. Jutta Räbiger


Methodik

 

Eine Sichtung themenrelevanter Literatur ging der Formulierung der Forschungsfragen voraus. Der aktuelle Bedarf an Physiotherapeuten mit Hochschulabschluss wurde durch eine systematische Auswertung von Stellenanzeigen der drei größten Fachzeitschriften pt, physiopraxis und physioscience im Zeitraum von Mai 2014 bis Mai 2015 ermittelt.

Danach wurde eine Onlinebefragung unter Arbeitgebern durchgeführt, um den Stellenwert des Studienabschlusses in ­Erfahrung zu bringen. Die quantitative Untersuchung fand im April 2015 statt, der Onlinefragebogen wurde unter anderem über zwei Berufsverbände (Landesverbände Berlin / Brandenburg) an deren Mitglieder verteilt. Um das ganze Spek­trum möglicher Arbeitgeber abzudecken, erhielten auch Schulen und Hochschulen, Krankenhäuser, Reha-Einrichtungen sowie Industrieunternehmen den Fragebogen. Die Auswertung erfolgte mit dem Statistikprogramm SPSS.


Ergebnisse

 

Die Auswertung der Stellenanzeigen in den Physiotherapiezeitschriften lieferte folgende Ergebnisse: Von den 193 veröffentlichten Stellenanzeigen war in 19 Fällen ein PT-Studium Voraussetzung beziehungsweise erwünscht; gesucht wurden hierbei vorwiegend Dozenten oder Führungskräfte für Versorgungseinrichtungen.

Der Fragebogen wurde insgesamt 113-mal aufgerufen. Die wesentlichen Ergebnisse werden im Folgenden dargestellt:

Zwei Drittel der Fragebogen wurden von Praxisinhabern beantwortet. Den Arbeitgebern ist an erster Stelle die fachliche und soziale Kompetenz ihrer Mitarbeiter wichtig. Allgemein wurde der Hochschulabschluss im Vergleich zum Berufsschulabschluss als weniger wichtig beurteilt. Die Arbeitgeber betrauen die Hochschulabsolventen zum Teil mit besonderen ­Tätigkeiten, darunter hauptsächlich organisatorische Aufgaben und die Durchführung hausinterner Fortbildungen. Hatten Arbeitgeber keine Erfahrung mit Studienabsolventen, lag ihre Bereitschaft, diese bevorzugt einzustellen, bei sechs Prozent. Dagegen lag diese Quote bei Arbeitgebern, die bereits persönliche Erfahrungen mit akademisierten Mitarbeitern haben, fast dreimal so hoch (17 Prozent).

Die Arbeitgeber sehen durch das Studium vor allen Dingen Vorteile in den Bereichen EBP, interprofessionelle Kommunikation, wissenschaftliches Arbeiten, Dokumentation und Selbstreflexion. Die Studienabsolventen werden in der Regel nicht höher bezahlt als die Berufsschulabgänger.


Diskussion

 

Die Befragungsergebnisse sind stark durch die Situation in den PT-Praxen geprägt. Die Rahmenbedingungen in Praxen sind für die Einstellung von Studienabsolventen ungünstig, da die Vergütung der Leistungen unabhängig vom akademischen Grad der Mitarbeiter erfolgt. Damit werden die durch das Studium erworbenen Qualifikationen hauptsächlich außerhalb von Praxen nachgefragt. Größere ­Einrichtungen, wie beispielsweise Akut- oder Reha-Kliniken, weisen andere Finanzierungsmodelle und eine komplexere Unternehmensstruktur auf, sodass die akademisch erworbenen Fähigkeiten besser eingesetzt werden können. Eine evidenzbasierte Behandlung, fundierte Kennt­nisse im Clinical Reasoning und in der Kommunikation werden derzeit in der Leistungsvergütung nicht berücksichtigt.

Die Qualifikationen von Studienabsolventen sind für neue Versorgungsformen erforderlich, die mehr wissen­schafts­basierte Eigenständigkeit und ­Freiheit in der Patientenbehandlung beinhalten. Beispiele hierfür sind der Direktzugang, zu dem die CDU / CSU-Fraktion inzwischen ein Positionspapier (1) vorgelegt hat, und die sogenannte Blanko­verordnung, die derzeit in zwei Modellversuchen erprobt und evaluiert wird (2–4).

Die Akademisierung ist ein unumgänglicher Schritt zu mehr Berufsautonomie und zur Verbesserung der Ergebnisqualität der Patientenversorgung. Die Effektivität der Behandlungstechniken kann durch akademisch ausgebildete Physiotherapeuten wissenschaftlich überprüft werden und der Austausch mit anderen Professionen findet auf Augenhöhe statt. Zudem steigert die Akademisierung die Attraktivität des physiotherapeutischen Berufsbildes, insbesondere, wenn perspektivisch eine angemessenere Entlohnung erfolgt (5, 6).

Den Hochschulen und Berufsverbänden kommt die wichtige Aufgabe zu, mehr Öffentlichkeitsarbeit bezogen auf die Studieninhalte und die Einsatzmöglichkeiten der Absolventen zu leisten; hier hat die Befragung deutliche Defizite aufgezeigt. Dazu gehört ein aktiver Austausch der Hochschulen mit den Arbeitgebern, wie er beispielsweise an der ASH im Rahmen eines Arbeitgeber-Forums sowie mit dem Praxisbeirat zu den Studiengängen gepflegt wird.

 

AUTOREN

Katrin Engesser

Katrin Engesser
B. Sc. PT; Ausbildung 2005–2008 an der Sebastian-Kneipp-Schule Bad ­Wörishofen; Fortbildungen in Manueller Therapie (Kaltenborn), Myo­faszialer Triggerpunkt-Therapie, MLD, McKenzie A–C, Mulligan A–D; Übungsleiterin für Reha-Sport, Beckenbodentraining, Krankengymnastik am Gerät; 2015 Abschluss Bachelor of Science für Physiotherapie an der ASH Berlin.
Kontakt: KatrinEngesser@aol.com

 

Elke Kath

Elke Kath
B. Sc. PT; Ausbildung 2010–2013 an der Universitätsmedizin Göttingen, Schule für Physiotherapie; Fortbildungen in MLD und Kinesio-Taping; 2015 Abschluss Bachelor of Science für Physiotherapie an der ASH Berlin.
Kontakt: elke_physio@gmx.de

 

Lisa Schönfelder

Lisa Schönfelder
B. Sc. PT; Ausbildung 2010–2013 an der Gesundheitsakademie der ­Charité Berlin; Fortbildungen in MLD, Faszienyoga und Kinesio-Taping, Osteopathie i. A.; 2015 Abschluss Bachelor of Science für Physiotherapie an der ASH Berlin; Qualitätsmanagementbeauftragte und Physiotherapeutin in einer Praxis.
Kontakt: lisa_1305@gmx.de

 

Marco Spiegel

Marco Spiegel
B. Sc. PT; Ausbildung 1997–2000 an der Staatlichen Berufsfachschule für Physiotherapie an der Universität Würzburg; Fortbildungen in Manueller Therapie (Maitland 2B), Myofaszialer Triggerpunkt-Therapie, MLD, PNF, MTT, Sportphysio, Kinesio-Taping und LSVT-BIG; 2015 Abschluss Bachelor of Science für Physiotherapie an der ASH Berlin; Qualitätsmanagementbeauftragter und PT im Zentrum für ambulante Rehabilitation Berlin.
Kontakt: marco.spiegel@t-online.de

 

ANMERKUNG
Fotos: ASH Berlin

 

Heftnummer: 11-2015


Literatur

AG Gesundheit, CDU / CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag. 2015. Heilmittelerbringer direkter in die Versorgung einbringen.
www.dr-roy-kuehne.de/images/Berlin/Heilmittelerbringer_direkter_in_die_Versorgung_einbinden.pdf; Zugriff am 7.7.2015

Innungskrankenkasse (IKK) Brandenburg und Berlin. 2015. Modellprojekt Physiotherapie.
http://www.ikkbb.de/leistungen/heil-und-hilfsmittel/physiotherapie-modellprojekt.html
Zugriff am 8.7.2015

Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK). Modellvorhaben für mehr Autonomie
www.ifk.de/verband/aktuell/ifk-innovationsprojekte/modellvorhaben-fuer-mehr-autonomie
Zugriff am 13.7.2015

BundesInnungskrankenkasse Gesundheit (BIG direkt gesund). 2015. Physiotherapie Modellvorhaben. www.big-direkt.de/leistungen/behandlung/physiotherapie_modellvorhaben.html
Zugriff am 13.7.2015

Fachkräfteinformationssystem (FIS) Brandenburg. 2015. Einrichtungsbefragung zur Situation in ausgewählten Gesundheitsfachberufen in Berlin und Brandenbur
fis.zab-brandenburg.de/fis/cms/fis/Analysen/Branche_Analysen/Einrichtungsbefragung.html
Zugriff am 13.7.2015

VDB – Physiotherapieverband e. V. – Bundesverband. 2015. Dramatischer Fachkräftemangel in der Physiotherapie – Gutachten des DIW.
www.vdb-physiotherapieverband.de/?page_id=13
Zugriff am 8.7.2015

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