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​... und wieder locker lassen! ​

Kartoffel-Dingsbums … Smoothies! Nee. ​

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Foto: New Africa / shutterstock.com

Wir Physiotherapeuten sind ja Vorbilder. Wir bewegen uns 25 Stunden am Tag und treiben dann auch noch Sport. Wir essen vegan oder vegetarisch, auf jeden Fall gesund. Und wenn mal Fleisch, dann nur von glücklichen Tieren, wir sind schließlich glückliche Menschen und so soll es auch bleiben, denn: Wir wollen natürlich auch unsere Patienten glücklich machen und gesund – oder beides. Wir retten die Welt, so ungefähr 322-mal am Tag. Früher nannte man das Helfersyndrom. Heute #physiosforpresident

Ich habe das mal erlebt, es ist schon eine Weile her, irgendeine Fortbildung an irgendeinem Wochenende. Alle anderen hatten frei. Nur wir saßen im Keller eines Krankenhauses und lauschten einem Niederländer. Was er erzählte, konnte man nur erahnen, er hatte einen starken Akzent. In der Mittagspause saß ein Kollege aus dem Kurs neben einer Patientin aus dem Hospital – die, es sei noch mal betont, nicht seine Patientin war – auf einer Bank in der Sonne. Schon von Weitem konnte man sehen, dass besagter Kollege keinen Freizeitplausch führte. Er therapierte und klärte auf. In der Pause einer Fortbildung an einem Wochenende. Offenbar können wir nicht anders.

In solchen Momenten stelle ich mir manchmal die Frage: Bin ich der einzige Physiotherapeut, der gelegentlich … also … fast nie … nun gut, manchmal – nachdem er sich vergewissert hat, dass auch wirklich niemand zusieht – eine Tüte Kartoffelchips aufmacht? Nur so zum Anschauen. Zum dran Schnuppern. Ich esse sie natürlich nicht! Oder eine Schachtel Kekse? Eine Tafel Schokolade? Vielleicht ein kleines Bier? Nee? Kennt keiner? Sitzt hier niemand mal ein halbes Wochenende auf dem Sofa? Ach, ihr habt gar kein Sofa. Dann auf der Workout-Matte vor dem Fernseher? Ihr habt gar keinen Fernseher … verstehe.

Wir Physiotherapeuten (außer mir) sind die Spezies Mensch, die den inneren Schweinehund bereits überwunden hat, ja, ihn überhaupt nicht mehr kennt! Nur noch vom Hörensagen, aus den Geschichtsbüchern und fernen Erzählungen. Wir kultivieren bereits den inneren herabschauenden Hund, den stählernen Asketen, den furchtlosen Athleten, den Krieger der Therapie. Wir haben es geschafft!

Alle kennen diese Cartoons, die die menschliche Evolution kurz und präzise skizzieren: vom Affen zum Neandertaler, weiter zum aufgerichteten Menschen, am Ende sieht man den Büromenschen – krumm, buckelig, verfettet, ohne Muskulatur – oder wahlweise Bart Simpson. Die nächste Generation dieser Cartoons wird so aussehen, dass da, wo alle jetzt das böse Ende vermuten, ein athletischer, junger, freundlicher Mensch steht und auf seinem T-Shirt: „Trust me, I’m a physio.“ So soll es sein!

Wo habe ich nur die Kartoffelchips hingetan? Hat die etwa jemand gegessen? Wehe, wenn ich den oder die erwische! Die sind so was von ungesund. Nix für Physiotherapeuten!

 

Heft 09-2019


Autor

Jörg Stanko

Physiotherapeut seit 1992; bis 2013 in verschiedenen Praxen und Krankenhäusern tätig; Schriftsteller; schreibt Romane, Kinder­bücher und Ruhrgebietskrimis; Referent für kreatives Schreiben; Vater eines Sohnes; freier pt-Autor und pt-Redakteur

stanko@pflaum.de

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