_Evidenzbasierte Therapie

​Vordere Kreuzband-Rekonstruktion: Wie sollte die optimale Nachbehandlung aussehen? ​

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Im British Journal of Sports Medicine wurde kürzlich eine systematische Übersichtsarbeit zur Qualität klinischer Praxisleitlinien (clinical practice guidelines – CPGs) für die Rehabilitation nach vorderer Kreuzband-Rekonstruktion veröffentlicht. Das Forscherteam aus den Niederlanden und Portugal recherchierte bis September 2018 in den Datenbanken PubMed, EMBASE, Cochrane Library, SPORTDiscus und PEDro. Es galten folgende Einschlusskriterien: Ein Gremium multidisziplinärer Experten hatte die CPGs entwickelt, die Empfehlungen lagen in englischer Sprache vor und basierten auf einem systemischen Review der aktuellen Literatur. Graue Literatur wurde ebenfalls berücksichtigt. Die Qualität bewerteten die Wissenschaftler mit dem AGREE II-Instrument (Appraisal of Guidelines for Research and Evaluation). Die Empfehlungen für spezifische Rehabilitationsinterventionen, postoperatives Assessment und Return-to-Sport-Kriterien wurden extrahiert und zusammengefasst. Als „beschleunigte Rehabilitation“ galt der Einsatz von progressiveren Techniken: sofortige Kniemobilisation, rasche Steigerung der Gewichtsbelastung auf das operierte Knie und / oder frühzeitige Integration von Übungen in offener oder geschlossener Bewegungskette.

Die Forscher sichteten 758 Artikel, davon 50 im Volltext. Sechs Leitlinien erfüllten sämtliche Einschlusskriterien. Basierend auf fünf CPGs mit hoher Qualität empfehlen die Forscher postoperativ den sofortigen Beginn von Maßnahmen zur Gelenkmobilisation, Muskelaktivierung und Verbesserung der neuromuskulären Ansteuerung. Abhängig von der individuellen Situation des Patienten können auch frühzeitig Übungen unter Vollbelastung, Übungen in offener und geschlossener Bewegungskette, Kryotherapie und neuromuskuläre Elektrostimulation eingesetzt werden. Die CPGs raten von CMP-Schienen (continuous passive motion) und Knieorthesen ab.

Die Mobilisation des Kniegelenkes innerhalb der ersten postoperativen Woche ist ausschlaggebend, um die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu reduzieren und negative Auswirkungen auf das Weichteilgewebe zu vermeiden. Kliniker sollten in dieser Zeit zunächst isometrische Übungen zur Kräftigung des M. quadriceps im schmerzfreien Bereich anleiten und dann zu konzentrischen und exzentrischen Übungen in geschlossener kinetischer Kette übergehen. Abhängig von der Schmerztoleranz wird zur vollen Gewichtsbelastung innerhalb der ersten Woche ermutigt. Kryotherapie kann unmittelbar nach der Operation angewandt werden, um Knieschmerzen zu minimieren. Neuromuskuläre Elektrostimulation kann in den ersten sechs bis acht Wochen während der isometrischen Übungen für den Quadrizeps eingesetzt werden, über die ideale Dosierung besteht jedoch kein Konsens. Übungen sollten in den ersten postoperativen Monaten vor allem in geschlossener Bewegungskette durchgeführt werden, um das Risiko patellofemoraler Schmerzen zu senken. Übungen in offener Bewegungskette (zwischen 90 und 45 Grad Flexion) sollten frühestens nach vier Wochen beginnen. Wurde das Material für die VKB-Rekonstruktion aus einer Hamstringsehne entnommen, sollten Therapeuten hier für zwölf Wochen nicht mit zusätzlichem Widerstand arbeiten.

Quelle: Andrade R, et al. 2019. How should clinicians rehabilitate patients after ACL reconstruction? A systematic review of clinical practice guidelines (CPGs) with a focus on quality appraisal (AGREE II). Br. J. Sports Med. Jun 7. [Epub ahead of print]

Link zum Abstract: www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/31175108

 

Heft 09-2019


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pt_Redaktion

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